Eine Kritik zu: „Sprache und Bewusstsein“ 1
von Damaris Nübling und Miriam Lind
(einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung)
B.S. Februar 2022
21 Minuten Lesezeit
Zitate aus dem Artikel sind kursiv gesetzt. Die Gliederung folgt dem ursprünglichen Artikel.
„So ist uns die sogenannte Male-first-Abfolge zweier koordinierter Substantive wie Hänsel und Gretel, Mann und Frau, Bruder und Schwester so geläufig, dass wir sie zu über 90 Prozent in dieser und nicht in der umgekehrten Ordnung reproduzieren. Diese Abfolge wird sogar auf neuere Konzepte angewandt, etwa bei Schwulen und Lesben, die zu 80 Prozent in dieser und nur zu 20 Prozent in umgekehrter Abfolge vorkommen. Mit jeder Verwendung bestätigen wir diese hierarchisch zu lesende Ordnung, die dadurch erneut hervorgebracht, gefestigt, verstetigt und ins Bewusstsein eingeschrieben wird.“
Seriöse Wissenschaft sucht sich aber nicht einen Teilaspekt (hier einige Personenbezeichnungen) heraus und dichtet diesem dann die gewünschten Eigenschaften (hierarchisch) an. Sie betrachtet die Gesamtheit dieser Erscheinungen und untersucht erst dann die Beziehungen zu den Teilaspekten: Es gibt schließlich auch Baum und Borke, Haus und Hof, Himmel und Erde, Berg und Tal, Hammer und Sichel, Hase und Igel, Hund und Katze, Mutter und Vater, Oma und Opa, Onkel und Tante, … Dann kommt man vielleicht zu der Erkenntnis, dass – ähnlich, wie bei den Berufs- und Rollenbezeichnungen – aus „männlich zuerst“ plötzlich „grammatisches Maskulinum zuerst“ wird? Und dass dieser ohnehin nur schwach vorhandene Effekt gar nichts mit „hierarchisch zu lesen“ zu tun hat, sondern mit Sprachrhythmus? So erfindet sich die „Genderlinguistik“ ständig neue, bisher völlig unbekannte, also gar nicht existierende Diskriminierungen.
Peter Eisenberg12 hat sich ausführlicher dazu geäußert:
„Man versuche einmal, die Reihenfolge der Bestandteile in Kind und Kegel, Mann und Maus, Frau und Kind, Brot und Spiele zu vertauschen. Es ergeben sich Ausdrücke mit ganz anderer Bedeutung und holpernder Prosodie (Sprachrhythmus). Die besondere Bedeutung der Formeln ist an die Reihenfolge gebunden: 1) Was belebt ist und dem Menschen näher steht, wird zuerst genannt. 2) Was länger und formal komplexer ist, kommt an die zweite Stelle. 3) Was über die Wortbetonungen zu einem natürlicheren Rhythmus führt, wird gerade so platziert. Über solche Kriterien wird die Reihenfolge ausgehandelt‘.“
Erfinden wir uns doch mal nach Nüblingscher Manier eine eigene Diskriminierung: Wenn Frauen Hosen tragen, sind sie Hosenträgerinnen. Wenn Männer Hosen tragen, sind sie Hosenträger („… eine männliche Person, die Hosen trägt.“ … oder mehrere männliche Personen?). Wenn die Hosenträger*Innen dann auch noch Hosenträger tragen …
Die Männer, die am Bahnhof das Gepäck … und am Fahrrad ist auch einer. Wenn der Schwimmer ein bestimmtes Niveau erreicht hat, wird die Wasserzufuhr am Spülkasten gesperrt. Oder darf er an der Meister- (*Innen?) Schaft teilnehmen? Der Läufer liegt am Boden … der aus Wolle oder der aus München? Die Pilsner kamen schon vor den Hamburgern.
Der 1. FC Union hat viele Anhänger. In der Garage steht auch einer. Wenn aber immer nur von Anhängern die Rede ist, führt das zu der Vorstellung, dass man an sein Auto nur Männer anhängen kann?
Müssen wir nicht nur ständig raten, ob Anhänger und Pilsner auch Frauen sein könnten, sondern auch noch, ob es um einen Mann geht oder um mehrere oder um einen Gegenstand? Müssen die Männer sich nicht diskriminiert fühlen, wenn man sie für Gegenstände hält?
Sprachwandel und Wortbildung
„Die jahrhundertelang geltende weibliche Zweitrangigkeit in Form der Relationalität zum Mann hat sich tief im Wortbildungssystem und damit in der Grammatik angelagert: Grammatisch maskuline Personenbezeichnungen wie Arbeiter, Arzt oder Leser werden offensichtlich so stark männlich assoziiert, dass sie sich für den Bezug auf eine Frau disqualifizieren …“
Immer wieder das gleiche Spiel: Es wird Korrelation mit Kausalität verwechselt. Das Wortbildungssystem ist wesentlich älter und komplexer als es diese Aussage suggeriert2,3. Es hat mit irgendeiner „Zweitrangigkeit“ nicht das Geringste zu tun.
Auf solche Interpretationen kann man nur kommen, wenn man wesentliche Aspekte ignoriert: z.B. die Tatsache, dass die Bildung von Substantiven aus einem Verb unabhängig davon ist, ob es sich um Personenbezeichnungen, Gegenstände oder Tiere handelt: arbeiten → Arbeiter, lesen → Leser, bohren → Bohrer, halten → Halter, traben → Traber. Bei Herkunftsbezeichnungen ist es ähnlich: Emmentaler, Rottweiler, Hamburger …
Andere mögliche Gründe für die genannten Assoziationen werden ausgeblendet: Beispielsweise wird mit dem Begriff Arbeiter eher körperliche Arbeit assoziiert, die mehrheitlich von Männern ausgeführt wird. Bei den Lesern ist diese Assoziation wohl eher eine Wunschvorstellung der Autorinnen und bei Ärzten – warten wir doch einfach ab. Bedeutungswandel ist manchmal recht langsam. Und trotz dieser (angeblichen) Assoziation ist die Mehrheit der Medizinstudenten längst weiblich. Wie konnte das nur passieren?
Ein Beispiel, bei dem tatsächlich patriarchale Strukturen in der Sprache abgebildet werden, sind viele Familiennamen. Beispielsweise diejenigen, die auf -s, -son, -sen bzw. -sohn enden und wo vor der Endung ein männlicher Vorname steht. Das liegt daran, dass die Familiennamen sich tatsächlich erst im Mittelalter herausgebildet haben.
Es zeigt aber auch, dass es gar keiner Modifikation der Sprache bedarf, um einen Bedeutungswandel hervorzurufen. Die ursprüngliche Bedeutung ist heute immer noch allgemein bekannt: dass es sich bei der Olsenbande um die Söhne von Ole handelte. Aber heute kommt kein Mensch mehr auf diese Idee. Oder dass Frau Hansen der Sohn von einem Hans sein könnte oder die Ehefrau eines Sohnes von Hans? Im Gegenteil, sie könnte sogar die Ehefrau eines Mannes sein, der ihren Nachnamen angenommen hat. Die Bedeutung hat sich dahingehend gewandelt, dass irgendwo in der langen Ahnenreihe der Familie mal ein Sohn eines Hans bzw. eines Ole existiert haben muss.
„Bei der Femininmovierung erfolgt eine Transposition maskuliner Personenbezeichnungen ins grammatische Femininum durch Hinzufügen der femininen Endung -in (Arbeiterin). Dieses asymmetrische, die gesamte deutsche Sprache durchziehende Verfahren resultiert aus der Bewertung des Mannes als Norm(alfall) und der Frau als Abweichung in Form der Ableitung. (Dies gilt auch für das gesamte Vornamensystem (Paul – Paula, Christian – Christiane etc.)“
Klingt plausibel, nur dass es trotzdem eine einfach zu widerlegende Aussage ist: Bei paarig auftretenden Begriffen (unabhängig davon, ob es Personen- oder Sachbezeichnungen sind) ist die generische Verwendung einer der beiden (manchmal sogar je nach Kontext beider) Formen logischerweise „asymmetrisch“. Damit durchzieht dieses Verfahren natürlich die gesamte deutsche Sprache und hat also nichts mit Benachteiligung oder gar irgendeiner „Bewertung“ zu tun (Verschwörungsmythos?), sondern mit Sprachökonomie.
Das gilt nämlich auch für Hund und Katze, Tag und Nacht. Sogar für groß und klein, lang und kurz (Größe, Länge oder Kleine, Kürze?), hell und dunkel (Helligkeit, Dunkelheit). Das Maskulinum als Normalfall benennt nämlich meistens nicht „den Mann“, sondern den Menschen unabhängig vom Geschlecht. Es ist eine inhärente Eigenschaft des Sprachsystems um Irrelevantes – nein, im Falle von Personenbezeichnungen nicht die Frauen, sondern ganz generell das meistens irrelevante Geschlecht – auszublenden.
Und das gesamte Vornamensystem? Paul-Paula, Christian-Christiane als Beispiele dafür, dass Frauen zweitrangig sind? Was ist mit den Männern, die Maria heißen? Es gibt reichlich Namen, die nicht nach diesem Prinzip gebildet sind. Müssen wir jetzt nicht erst mal die massiv unterdrückten Isländerinnen retten? Die heißen alle so ähnlich wie Johanns Tochter.
„Es gibt unter den Personenbezeichnungen genau drei feminine Basiswörter, bei denen eine sogenannte Maskulinmovierung erfolgen muss: Braut – Bräutigam, Witwe – Witwer, Hexe – Hexer.“
Nicht mal das können die Genderlinguistinnen richtig einsortieren: Es sind nicht drei, sondern nur zwei: Die Hexe ist die Kurzform von Hexerin: hexen → Hexer → Hexerin → Hexe, so wie tanzen → Tänzer → Tänzerin (ohne Kurzform), bohren → Bohrer …, wecken → Wecker … Warum gibt es denn keine Bohrerin und keine Weckerin? Was hat also das einheitliche Wortbildungssystem aus einem Verb (s.o.) zu einem Maskulinum mit dem „Mann als Normalfall“ zu tun?
Bei der Braut und der Witwe mag das stimmen. „Für Frauen war die Ehe von solch existenzieller Bedeutung …“ Ja, war! (Es gibt in unserer Sprache Zeitformen: Gegenwart, Vergangenheit, vollendete Vergangenheit…) Und was macht natürlicher Sprachwandel? Er verschiebt einfach die Bedeutung. Ohne dass dazu ein Umbau des gesamten Sprachsystems benötigt wird. Diese Assoziation kann man heute nur noch mühsam herleiten. Sie spielt in der Wahrnehmung dieser Begriffe keine Rolle mehr.
Genusgrammatik
„Im öffentlichen Diskurs werden insbesondere wissenschaftsferne Akteure wie der Verein Deutsche Sprache (VDS) nicht müde, entweder der Linguistik die Verwechslung von Genus und Sexus zu unterstellen, ohne dabei je Namen zu nennen, oder schlechterdings jeden Zusammenhang zwischen Genus und Sexus abzustreiten. Dabei vertritt der Verein mit der Rede von Sexus einen naiven biologistischen Geschlechtsbegriff, während die Linguistik differenzierter vorgeht und mindestens vier Ebenen unterscheidet, zwei sprachintern und zwei sprachextern operierende: …“
Nicht „die Linguistik“ verwechselt Genus mit Sexus (und Korrelation mit Kausalität). Es ist nur die „Genderlinguistik“.
Wissenschaftliche Akteure gibt es nicht? 3,10 Die Verwechslung bzw. unseriöse Vermischung von Genus und Sexus führen uns die Autorinnen gleich im Anschluss selbst vor. Und (mindestens) einen weiteren Namen gibt es auch: Gabriele Diewald 9.
Dazu kommt noch, dass die meisten “Anwender“ der sogenannten gerechten Sprache Genus und Sexus sehr wohl verwechseln bzw. sogar für identisch halten. Sonst würde nicht immer von der „männlichen Form“ gesprochen, wenn das grammatische Maskulinum gemeint ist.
Wer den Begriff „biologistisch“ verwendet, der (!) hat sich damit schon selbst als „wissenschaftsfern“ geoutet. Natürlich gibt es Zusammenhänge zwischen Genus und Sexus. Die streitet auch niemand ab. Die sind aber ganz andere, als sich Genderlinguisten wünschen:
Die ersten beiden genannten Ebenen
a) Genus (grammatisches Geschlecht – der Berg, die Brücke, das Haus) und
b) semantisches Geschlecht (Mann, Frau, Vater, Mutter, Junge, Mädchen, Schwester, Bruder) sind Trivialitäten.
Die dritte c) Sexus ist eine Vermischung von Selbstverständlichem mit ideologischer Agenda. Denn Sexus ist eine biologische Kategorie, die sich natürlich nicht auf Genitalien beschränkt, sondern auf der Evolution basiert.
Und die vierte d):
„Gender bezeichnet die individuelle Geschlechtszugehörigkeit und ist eine soziale Kategorie. Sie ist prinzipiell von Geschlechtsorganen unabhängig, auch wenn bei den meisten Menschen Korrelationen vorliegen. Gender wird interaktiv hervorgebracht und ist eher entlang einer Skala in Stufen denkbar denn als Entweder-Oder-Entscheidung. Bei vielen Berufsbezeichnungen wird die Geschlechtsinformation als Teil der Wortbedeutung aufgefasst: So wird den Berufen Pilot, Richter, Lehrer, Verkäufer, Kassierer, Erzieher, Florist ein abnehmender männlicher Genderisierungsgrad zugewiesen. Dies hat auch, aber nicht nur, damit zu tun, wie hoch der Anteil von Männern in diesen Berufen ist.“
Was ist denn die „individuelle Geschlechtszugehörigkeit“? Eine „soziale Kategorie“? Was ist das? „… wird interaktiv hervorgebracht“? Von wem? Wie? “…entlang einer Skala“? Diese Skala sollten die Autorinnen uns mal zeigen.
Die meisten Berufs- bzw. Rollenbezeichnungen sind grammatisch maskulin. Das hat mit einer „Geschlechtsinformation“ überhaupt nichts zu tun, sondern mit der Wortbildung aus einem Verb, wie weiter oben gezeigt.
Gender ist also ein Schwurbelbegriff, der so schwammig ist, dass er für alles Mögliche oder auch für das Gegenteil davon missbraucht werden kann.
Noch so ein Schwurbelbegriff: Der „Genderisierungsgrad“ ist das, was natürlicher Sprachwandel – meistens einfach durch Bedeutungswandel – ständig den Realitäten anpasst. Mal schneller, mal langsamer, mal gar nicht und die meisten Menschen können damit problemlos umgehen. Die Autorinnen haben sich hier ein neues Wort erfunden, um zu verschleiern, dass es mit der Beurteilung des Maskulinums wohl doch nicht so simpel ist, wie sie geglaubt haben.
„Es ist gerade diese wissenschaftlich unabdingbare Differenzierung des Geschlechterbegriffs, wegen der geschlechtergerechte Sprache zu einem thematischen Dauerbrenner konservativer [BS: Woher weiß Frau Nübling das?] ,Gender-Kritiker:innen‘ wird: Die Debatte um die sprachliche Repräsentation von Frauen und nicht-binären Menschen wird von einigen Diskursteilnehmer:innen als Vorwand genutzt, um misogyne Ansichten oder Ablehnung der zunehmenden rechtlichen und sozialen Anerkennung transgeschlechtlicher und nicht-binärer Menschen sowie eines diversitätssensiblen Genderbegriffs öffentlichkeitswirksam zu artikulieren.“
Gibt es auch eine Begründung dafür, warum diese Differenzierung „wissenschaftlich unabdingbar“ ist? Der Geschlechterbegriff ist zunächst einmal eine rein biologische (keine „biologistische“!) Kategorie. Neuerdings aber auch eine ideologische, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Deshalb müssen Kritiker dieser Ideologisierung erst mal als „konservativ“ klassifiziert werden. Ist jede Veränderung immer ein Fortschritt?
Vielleicht wäre noch zu bemerken, dass die missbräuchliche Verwendung wissenschaftlich eindeutig definierter Begriffe für bestimmte Zwecke eine bekannte Methode ist: In der Esoterik wird das gerne mit dem aus der Physik gestohlenen Begriff Energie gemacht. Hier also mit dem aus der Biologie gestohlenen Begriff Geschlecht. Der wird dann mit „Genus“ und „Gender“ zu einem (unappetitlichen) Brei verrührt.
Deshalb muss den Kritikern auch gleich noch vorgeworfen werden, sie wären frauenfeindlich und gegen die zunehmende rechtliche und soziale Anerkennung bestimmter Gruppen. Belege braucht man für solche Diffamierungen natürlich nicht. So geht seriöse Wissenschaft mit Kritik um? Oder ist es der Versuch, Kritik zu unterdrücken, weil den eigenen Argumenten nicht so recht getraut wird?
Ein „diversitätssensibler Genderbegriff“ ist wohl eher so etwas:
„Wie so oft heutzutage scheint auch hier ein englisches Wort nur der Wichtigtuerei zu dienen, wie eine Nebelkerze, hinter welcher man gedankliche Verschwommenheit (und wahrscheinlich auch ungute Absichten) versteckt.“(Robert Zydenbos)3
Sexus-Genus-Perspektive
Nach einem Ausflug in die Vornamen geht es gleich wieder zur Sache: Die Abweichungen vom Sexus/Genus-Zusammenhang bei geschlechtsspezifischen Bezeichnungen werden betrachtet. Tatsächlich werden abwertende Bezeichnungen oft zum Diminutiv (Verkleinerungsform) oder sogar gegengeschlechtlich verwendet. Aber man muss natürlich ein bisschen übertreiben, um die Wirkung zu verstärken:
„Auf männlicher Seite sind dagegen weder Diminutiva noch Neutra zu finden, nicht einmal zur Bezeichnung kleiner Jungen.“
Wirklich nicht? Übrigens: alle Diminutiva sind Neutra, sogar das Brötchen. Das Knäblein, das Bübchen, das Jüngelchen und das Hänschen(klein) kann man ja übersehen. Das Männlein/-chen, Kerlchen, Herrchen und das Reiterlein auch. Vor allem das A…loch. Zugegeben, die sind seltener als Mädchen und Fräuleins, aber finden kann man sie schon. Nur dass die gesamte Diskussion sich um Begriffe dreht, die weitgehend außer Gebrauch sind.
Da, wo das nicht der Fall ist, ist der abwertende Charakter oftmals ganz ohne Umbau des Sprachsystems verschwunden. Wer sieht in dem Wort Mädchen irgendwas Negatives? Mark Twain11 hat das in seinem Essay „The Awful German Language“ schon vor über hundert Jahren „erkannt“: „Im Deutschen hat ein Mädchen kein Geschlecht, eine Rübe aber hat eines. Man denke nur, welch überwältigende Wertschätzung der Rübe und welch kaltschnäuzige Respektlosigkeit gegenüber dem Mädchen das zeigt.“Allerdings war es Satire.
Manche abwertend gemeinten (oder verstandenen) Begriffe (z.B. lesbisch und schwul) wurden sogar von den Betroffenen okkupiert und als (ironische) Selbstbezeichnung verwendet. Sogar das Fräulein. So funktioniert natürlicher Sprachwandel. Dazu kommt dann noch die Tatsache, dass neutrale Bezeichnungen ohne Movierung fröhlich durch alle Geschlechter irrlichtern: Der Mensch, die Person, das Individuum …
Dann geht es um die „Vermenschlichung“ von Gegenständen und Tieren. Ja, das machen Menschen mit Sprache. Wie die Autorinnen zeigen, sogar in romanischen Sprachen genau umgekehrt wie beispielsweise im Deutschen. Daraus wird geschlussfolgert: „Genus hat mit Geschlecht viel mehr zu tun, als dem Sprachpflegeverein lieb sein dürfte.“ Warum? Weil die Vermenschlichung ganz selbstverständlich mit dem grammatischen Genus erfolgt? Was haben die Autorinnen erwartet? Dass man Frau Fuchs und Herr Elster sagt? Mutter Rhein und Vater Mosel?
Aber selbst wenn das irgendwie bedeutsam wäre, rechtfertigt es noch lange nicht, die generische Verwendung einer von zwei paarig auftretenden Formen als (mindestens eher) spezifisch zu definieren. Da werden dann Beispiele verwendet, die für die gewünschte Aussage ungeeignet sind: Der Singular wird eher selten generisch gebraucht, hier aber als Beispiel angeführt, um einen falschen Eindruck zu erwecken:
„Verbindet man mit Arbeiter, Student, Pilot oder Leser beide Geschlechter gleichermaßen (wie gerne behauptet) oder eher Männer?“
Mindestens Studenten und Leser werden ganz sicher von den meisten Menschen generisch interpretiert. Deshalb muss man lesende Studierende erfinden, um das rückgängig zu machen. Piloten sind nun mal aktuell mehrheitlich Männer. Und Arbeiter? Da kommt es wohl eher auf den Berufszweig an als auf die Grammatik.
Bei Pfleger und Erzieher kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Tatsächlich werden die beiden Begriffe eher männlich assoziiert, obwohl die Berufe mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Aber woran liegt das? Weil sie grammatisch maskulin sind? Oder eher daran, dass weibliche Krankenpfleger immer noch Krankenschwestern heißen und „Erzieherinnen“ der Standard sind? Dass also diese Begriffe aus guten Gründen eher spezifisch interpretiert werden? Wie ist das mit dem Begriff Lehrer bei Grundschulkindern?
Dann wird auch noch auf eine (von mehreren) inzwischen als methodisch grob fehlerhaft erkannte Studie8 verwiesen. Hier wurde das Maskulinum durch den Zusatz „einige der Männer/Frauen“ spezifisch gemacht, um das (nur schwach) signifikante Ergebnis zu produzieren. Eigentlich belegen diese Studien sogar das Gegenteil von dem, was sie behaupten: Sogar bei manchen Formen spezifischer Verwendung des Maskulinums wird es teilweise generisch interpretiert. Der folgende Screenshot zeigt ein Experiment, das den gleichen methodischen Fehler macht:

Das Ergebnis wurde mit:
„Die Studenten gingen zur Mensa, weil einige der Frauen Hunger hatten“ verglichen.
„Auffällig ist, dass die Legitimität dieser Studien gerade von solchen Diskursteilnehmenden bestritten wird, die entweder selbst nicht empirisch arbeiten oder gar nicht in der Linguistik tätig sind, womit ihnen die fachliche Expertise fehlt, dies kompetent zu beurteilen.“
Diesen Satz können die Leser gerne selbst beurteilen. Jeder arbeitet empirisch und vertiefte linguistische Kenntnisse braucht man, um methodische Mängel zu erkennen, auch nicht.
Es wäre eigentlich ganz einfach, die von den Autorinnen so sehr vermissten Studien durchzuführen, die das Gegenteil beweisen. Nur dass das so trivial ist, dass kein seriöser Wissenschaftler sich die Mühe machen würde, den dafür erforderlichen Aufwand zu treiben. Nur ein paar Kriterien:
– Es müssen nicht durch Stereotype (die sich wandeln!) verzerrte Maskulina im Plural (!) verwendet werden.
– Es muss eine ausreichende Anzahl von Probanden (die nicht einer bestimmten Gruppe angehören) befragt werden.
– Die Fragestellung darf nicht suggestiv sein (beispielsweise indirekte Erzielung der Antworten4).
– Der Versuch muss auch mit dem Femininum und der Doppelform wiederholt werden.
Schon bekommt man ein Ergebnis, das jeder, der nicht ideologisch vorbelastet ist, auch ganz ohne Studie erkennen kann. „Die Studentinnen gingen zur Mensa, weil einige der Männer Hunger hatten“?7. So erzeugt man gezielt Irritation und das gewünschte Ergebnis.
Die Sache mit dem Plural haben die Autorinnen sogar selbst erkannt, meinen aber „die männliche Schlagseite fällt nur weniger stark aus“. Hat da nicht schon wieder jemand Genus und Sexus verwechselt? Ja, es gibt Stereotype und eine Menge Gründe, warum auch der Plural oft männlich interpretiert wird. Das hat aber nichts mit dem grammatischen Maskulinum zu tun, sondern mit der Lebenswirklichkeit. Und mit einem Sprachwandel, der in der Regel den gesellschaftlichen Verhältnissen hinterherhinkt. Mit Gendersprache soll dieser Prozess nun umgekehrt oder sogar wieder rückgängig gemacht werden.
„Weiterhin tendieren Rollenbezeichnungen wie Einwohner, Zuschauer oder Tourist, die temporäre Tätigkeiten oder allgemeine Zugehörigkeiten bezeichnen, zu ausgewogeneren Geschlechtszuordnungen als Berufsbezeichnungen, denen per se ein deutlicher male bias innewohnt.“
Was heißt „ausgewogener“? Sie werden generisch interpretiert, wenn sich aus dem Kontext nichts anderes ergibt. Deshalb muss es trotzdem Einwohnerinnen und Einwohner, Zuschauende (die das Opernhaus bereits verlassen haben und jetzt mit fest geschlossenen Augen im Bett liegen), und Tourist Stern Innen heißen? Was also soll die Implantation von Sternen und Doppelpunkten innerhalb von Silben oder die falsche Verwendung substantivierter Partizipien bewirken? Es soll die generische Lesart des Maskulinums aus den Köpfen vertreiben! Deshalb gibt es dann in Berlin tote Radfahrende und in manchen Parteien sogar Mitgliederinnen. Bei der Wissenschaftssendung nano wurde kürzlich sogar der Plural von „der Staat“ ganz weiblich. Aber zu diesen „Unfällen“ gibt es aus der „Genderlinguistik“ keine einzige Meinungsäußerung.
„Ein weiterer Faktor, der auf die Bahnung von Genus und Geschlecht einwirkt, ist die Koexistenz movierter Feminina: Je häufiger diese vorkommen (zum Beispiel bei Schülerinnen und Schüler), umso „männlicher“ wird das Maskulinum gelesen.“
Deshalb wird diese Form auch so gerne von den Genderideologen propagiert. Die generische Lesart soll „ausgerottet“ werden. Natürlich wird bei dieser Form das Maskulinum „männlich gelesen“, das ist ja die Absicht dahinter. Nur dass bei exzessiver Anwendung noch ein weiterer, eher unerwünschter Effekt erzielt wird: Es wird als lästig und übergriffiger Erziehungsversuch wahrgenommen. Sachlich falsch ist sie oft auch noch. Nämlich dann, wenn von einer „Sorte“ nur eine oder keine Person vorhanden ist: so wie bei den Autorinnen und Autoren beim Tagesspiegel, die Hendrik und Nikolas heißen. Irgendeine relevante zusätzliche Information enthält diese Form (wie alle anderen Genderformen) auch nicht.
Die einzige Information, die durch Gendersprech transportiert wird, lautet: „Schaut mal, wie progressiv ich bin und wenn dich das stört, bist du ein reaktionärer, frauenfeindlicher alter weißer Mann“. Dafür sind wir natürlich besonders dankbar.
„Mehrere Studien bestätigen zudem, dass insbesondere Kinder zu einer ausgeprägten Bahnung von Genus zu Geschlecht neigen. Werden statt vermeintlich generischer Maskulina wie Ingenieure Paarformen wie Ingenieurinnen und Ingenieure verwendet, so erhöht dies nicht nur die Repräsentanz weiblicher Berufsausübender, sondern führt auch zu veränderten Genderkonzepten über diese Berufe. Genus beeinflusst also gerade bei Kindern das Bewusstsein.“
Ja, zum Beispiel werden diese Berufsbilder als weniger anspruchsvoll bewertet.5 Und die „Repräsentanz weiblicher Berufsausübender“ wird natürlich auch da erhöht, wo sie kaum vorhanden und auch in Zukunft nicht zu erwarten ist: Soldatinnen und Soldaten, Dachdeckerinnen und Dachdecker? Einen vernünftigen Grund, warum das angestrebt werden sollte, gibt es auch nicht.
Aber Vorsicht, es ist nicht Genus (oder ganz allgemein „die Sprache“), sondern es sind Menschen, die versuchen mittels grammatisch fragwürdiger oder zumindest „alternativer“ Formen das Bewusstsein der Kinder zu beeinflussen. Denn bei Kindern funktioniert das immer noch am leichtesten. Das wussten schon die Nationalsozialisten und auch die Kommunisten. Erfunden haben es aber die Religionen. Lernen die Kinder das nicht viel besser durch Erfahrung?
Diese Form transportiert auch noch ein fragwürdiges Frauenbild: Brauchen Frauen wirklich Vorbilder oder den Wink mit dem Zaunpfahl, um zu begreifen, dass sie auch Ingenieur, Arzt oder Bundeskanzler werden können?
“… ergibt sich die Empfehlung, wenn in einem Text nicht nur auf Männer, sondern auf alle Geschlechter referiert werden soll, auf maskuline Personenbezeichnungen im Singular wie Professor oder Arzt zu verzichten. Stattdessen sollten, wo möglich, primär geschlechtsneutrale Formulierungen gewählt werden (zum Beispiel Partizipien im Plural oder Umschreibungen). Wo dies nicht möglich ist, kann man auf geschlechterinklusive Schreibungen mit Sonderzeichen wie Stern oder Doppelpunkt zurückgreifen. Dies gilt umso mehr für adressierende Texte, mit denen man möglichst viele Personen ansprechen möchte. Es liegt nicht nur im Ermessen der Sprechenden zu entscheiden, wer sich mit bestimmten Formen angesprochen zu fühlen hat. Kommunikation gelingt nur dann, wenn das Gemeinte auch beim Gegenüber ankommt.“
Ich würde das so formulieren:
Aus dem oben Erläuterten ergibt sich die Empfehlung, wenn in einem Text das Geschlecht der angesprochenen Personen irrelevant oder unbekannt ist, die generische Form zu verwenden. Im Singular aber nur dort, wo es um keine konkreten Personen, sondern um die abstrakte Bezeichnung der Rolle oder des Berufes geht (Du musst zum Arzt, ich gehe zum Friseur, der Kunde ist König …).
(Substantivierte) Partizipien im Plural sollten nur dort verwendet werden, wo sie auch eine gerade ausgeübte Tätigkeit/Rolle beschreiben (Reisende, Badende, Vorsitzende …). Und natürlich keinesfalls als Alternative zu maskulinen Personenbezeichnungen im Singular. Da fragt man sich doch, wie jemand mit solchem Sprachverständnis Professor für Sprachwissenschaft werden konnte.
In allen anderen Fällen sind sie sachlich falsch und produzieren – besonders bei den Doppelungen – groben Unfug (tote Radfahrende und schlafende – also nicht mitarbeitende – Mitarbeitende). Im Singular funktioniert das überhaupt nicht, weil sie, spätestens wenn Artikel oder Pronomen auftauchen, spezifisch (und dann meistens aus Versehen maskulin: … jeder Studierende) werden.
Umschreibungen sind selten sinnvoll, sie lenken in der Regel von der eigentlichen Information ab. Sterne, Doppelpunkte oder sonstige Verzierungen haben innerhalb von Silben nichts verloren!6 Dies gilt umso mehr für adressierende Texte, wenn man wirklich alle Personen ansprechen möchte. Es liegt nicht nur im Ermessen der Sprecher, zu entscheiden, wer sich mit bestimmten Formen angesprochen zu fühlen hat. Deshalb sollte man prinzipiell auf alle Genderformen verzichten. Denn sie stellen einen sogenannten Soziolekt dar, eine in bestimmten Kreisen übliche Methode, sich von der Sprachgemeinschaft abzuheben. Die große Mehrheit der Menschen lehnt diese Formen ab und fühlt sich dadurch eben nicht angesprochen, sondern eher belästigt. Kommunikation gelingt nur dann, wenn das Gemeinte auch beim Gegenüber ankommt.
1. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/
geschlechtergerechte-sprache-2022/346093/sprache-und-bewusstsein/
2. Ewa Trutkowski, Helmut Weiß. Zeugen gesucht!
Zur Geschichte des generischen Maskulinums im Deutschen
https://lingbuzz.net/lingbuzz/006520/current.pdf?_s=
UiwgUVpuOowlom63
3. https://zydenbos.userweb.mwn.de/
gendersprache/abschaffen-von-spezifika.html
4. Sebastian Jäckle. Per aspera ad astra –
Eine politikwissenschaftliche Analyse der Akzeptanz des Gendersterns
in der deutschen Bevölkerung auf Basis einer Online-Umfrage
https://doi.org/10.1007/s11615-022-00380-z
5. https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2015/
fup_15_223-einfluss-geschlechtergerechte-sprache/index.html
6. https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-
schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/
7. https://www.3sat.de/wissen/nano/201216-gendern-nano-
104.html (bis 16.12.2025 verfügbar – deshalb oben ein Screenshot)
8. Pascal Gygax, Ute Gabriel, Oriane Sarrasin, Jane Oakhill.
Generically intended, but specifically interpreted:
When beauticians, musicians and mechanics are all men
https://www.researchgate.net/publication/233795019_
Generically_intended_but_specifically_interpreted_When_
beauticians_musicians_and_mechanics_are_all_men
9. Gabriele Diewald. Zur Diskussion:
Geschlechtergerechte Sprache als Thema der
germanistischen Linguistik – exemplarisch exerziert
am Streit um das sogenannte generische Maskulinum
https://doi.org/10.1515/zgl-2018-0016
10. https://www.linguistik-vs-gendern.de/
11. https://www.viaggio-in-germania.de/
twain-schreckliche-dt-sprache.pdf
12.Peter Eisenberg.
Weder geschlechtergerecht noch gendersensibel
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/
geschlechtergerechte-sprache-2022/346091/
weder-geschlechtergerecht-noch-gendersensibel/
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