Überholen ohne Einzuholen (Walter Ulbricht)
oder wer den zweiten Schritt vor dem ersten macht,
kann auf die Nase fallen
B.S. Oktober 2025
9 Minuten Lesezeit
Die Regierungen unter Merkel und wohl auch schon einige davor haben den Fehler begangen, den Ausbau der erneuerbaren Energien, der Netze und der Speichertechnik zu verzögern oder mindestens zu verschlafen. Nun hatten wir zum zweiten Mal eine Regierung (die „Ampel“) unter Beteiligung der Partei, die den Klimaschutz als zentrale Aufgabe begreift.
Dachte ich zumindest, bis die (Um-?) Erziehung des unbotmäßigen Volkes und autoritäre, wenn nicht sogar totalitäre Konzepte mindestens den gleichen Stellenwert erreichten. Also möglichst viele Wähler in die Arme von Populisten zu treiben? Oder um immer mehr Antiirgendwasbeauftragt:_/*Innen- und Außenpöstchen und Gelder für parteinahe Vereine und Stiftungen zu beschaffen?
Beim Klimaschutz musste es aber hoppladihopp vorangehen. Also wurde ein Gesetz entworfen, das erst einmal die Heizungsfrage klären sollte. Nun hat der Überfall Russlands auf die Ukraine gezeigt, dass es mit dem Gas aus der Pipeline nicht mehr so zuverlässig und preisgünstig funktioniert, wie das viele geglaubt haben. Einfach die Gasverbraucher abschalten, das geht aber auch nicht. Sich auf die Straße zu kleben, erzeugt übrigens auch keine nutzbare Energie. Im Gegenteil.
Also müssen Übergangslösungen her. Flüssiggas ist aber natürlich noch umwelt- und klimaschädlicher als das Pipelinegas. Schließlich kommt es aus Quellen, die problematisch sind, muss erst verflüssigt, transportiert und dann wieder erwärmt, also gasförmig gemacht werden. Also, möglichst schnell weg von dem hauptsächlich aus Methan (CH4) bestehendem Gas, das bei der Verbrennung zu Kohlendioxid (CO₂) und Wasser (H2O) wird: (CH4 + 2O2 → CO₂ + 2H2O). Warum werden die Bremsen beim Biogas nicht endlich gelöst? Da wäre auch noch einiges Potenzial. Stattdessen werden die Bedingungen verschlechtert, so dass einige Betreiber bereits über Einstellung der Biogasproduktion nachdenken. Wenn dann auch noch das Gasnetz schrittweise außer Betrieb genommen werden soll und damit die Durchleitungspreise steigen …
Die Wärmepumpe scheint die ideale Lösung zu sein. Schließlich ist sie fast (!) so etwas, wie ein Perpetuum mobile. Macht aus 1 kWh Elektrizität bis zu (!) 4 kWh Wärme (Laut Aussage eines Energieberaters eher 2,5 bis 3). Die Tatsache, dass 1 kWh Gas auch nicht ganz 1 kWh nutzbare Wärme erzeugt, soll nicht unter den Tisch fallen.
Allerdings sollte man auch den Preisunterschied berücksichtigen. Der Preis für eine kWh Elektrizität liegt bei dem drei- bis vierfachen des Preises für Gas. Wann soll sich die Investition in eine Wärmepumpe (weitere Investitionen – z.B. Dämmung, PV-Anlage (Solar), Zusatzheizung – sind u.U. auch noch erforderlich) rechnen? Wärmepumpen sind natürlich auch nicht überall die Ideallösung. Man stelle sich nur mal eine Reihenhaussiedlung vor, wo alle 5-10 m eine Wärmepumpe vor sich hin brummt. Oder ein Altbaugebiet in einer Großstadt, das nicht ans Fernwärmenetz angeschlossen ist. Geothermie? Ebenfalls weitgehend Fehlanzeige.
Woher aber kommt die Elektrizität? Zur Zeit leider noch zu einem erheblichen Anteil (rund ein Viertel) aus der Kohleverstromung. Manchmal sogar erheblich mehr:

Da wird aus 1 kWh Wärme im Kraftwerk 0,4 – 0,5 kWh Elektrizität. Die Abwärme kann natürlich teilweise (Fernwärme) genutzt werden. Die Elektrizität wird dann auch noch durch Transformatoren und Leitungen (mit Verlusten) transportiert und in der Wärmepumpe wieder in Wärme umgewandelt. Also wird aus 1 kWh Wärme im Kraftwerk im allerbesten Fall 2 kWh Wärme in der Wohnung. Wahrscheinlich aber kaum mehr als 1 kWh – allerdings zu einem deutlich höheren Preis. Das CO2 wurde also nur im Kraftwerk emittiert, statt im Ofen zuhause.
Die Leitungskapazitäten sind auch noch lange nicht darauf ausgelegt, die zusätzliche Elektroenergie, (Die, wo bisher mittels der klassischen Energieträger gar keine Elektrizität erzeugt, sondern direkt die erzeugte Wärme genutzt wurde) zu transportieren. Das ist nicht nur der größte Teil des Verkehrssektors (Diesel, Benzin) und der Heizenergie (Gas, Öl, Kohle), sondern auch die Stahl- und Zementproduktion sowie weite Bereiche der Chemieindutrie. Dazu kommt noch, dass Kohlenstoff ein wesentliches Element für die Herstellung von hochwertigem Stahl ist.
Der Anteil erneuerbarer Energien (hauptsächlich Wind und Sonne) steigt und damit auch der positive Effekt der Wärmepumpe. Muss doch nicht erst Wärme erzeugt, in Elektrizität umgewandelt und wieder in Wärme zurückverwandelt werden. Bei 100 % erneuerbarer Elektrizität brauchte man gar keine Wärme als Ausgangsenergie mehr. Windkraftanlagen und Photovoltaik erzeugen die Elektrizität direkt.
Dumm nur, dass es noch lange nicht genügend erneuerbare Energie gibt. Nein, die installierte (Nenn-)Leistung sagt nichts über den Anteil erneuerbarer Energien aus. Die tatsächlich übers Jahr abgegebene Leistung ist es. Und wenn es ums Heizen geht, sogar die Leistung im Winter. Eine 10 kW PV-Anlage liefert nachts genau 0 kW und im Winter auch tagsüber nur wenig mehr. Eine 5 MW WEA liefert bei Flaute (oder Netzüberlastung oder Wartung oder …) genau 0 MW. Diese Energie steht also nicht nach Bedarf zur Verfügung. Also braucht es Speichermöglichkeiten (oder alternative Quellen), um die Schwankungen zu kompensieren. Hier sieht es noch schlechter aus. Aber man kann ja Kohlestrom aus Polen oder Atomstrom aus Frankreich importieren? Ende 2024 haben wir genau diesen Fall: Der Strompreis explodiert, weil PV und Wind keinen nennenswerten Anteil des erforderlichen Stroms liefern.
„Das Bundeswirtschaftsministerium [der Ampel – Habeck] selbst schätzt, dass bis 2030 neue Gaskraftwerke mit einer Leistung von rund 24 Gigawatt gebaut werden müssen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Demnach müssten innerhalb von knapp sieben Jahren etwa 50 große Kraftwerke errichtet werden, die nach dem Willen der Klimapolitiker allesamt auf den neuen Brennstoff Wasserstoff umrüstbar sein sollen.“ (DIE WELT, 05.01.2024, Nr. 4, S. 9) Bei „Deutschlandtempo“?
Statt sich auf den Ausbau dieser noch nicht ausreichend vorhandenen Kapazitäten zu konzentrieren, wird ausgerechnet der Verbrauch von – bisher gar nicht ausreichend verfügbarer – erneuerbarer elektrischer Energie befördert: neben der Umstellung auf (mittels erneuerbarem Strom erzeugtem) Wasserstoff, auch noch Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge.
„Insgesamt werden von der Bundesregierung für das Programm (E-Auto-Förderung) drei Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds bereitgestellt. Diese reichen für geschätzt 800.000 Fahrzeuge bis 2029. Die Prämie kann auch rückwirkend für Autos beantragt werden, die seit dem 1. Januar 2026 erstmalig zugelassen wurden.“ https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/e-auto-kauffoerderung-2403088 Das nennt man ein vergiftetes Geschenk. Viele Menschen kaufen keine Neuwagen, aber nur die werden gefördert.
Der einzige, der sich nicht wehren kann – der (genderneutrale) Steuerzahler – soll gezwungen oder mindestens motiviert werden, seine Heizung und seine Mobilität in Richtung erneuerbarer Energien – sprich Elektrizität – zu modifizieren. Weil natürlich die meisten auch nicht von heut auf morgen auf Wärmepumpe und E-Auto umsteigen können, wird also an den Preisen gedreht? Die CO2-Abgabe wird erhöht. Fällt das nicht unter Erpressung?
Für 2023 wurde festgestellt, dass erstmals mehr als 50 % des primären Elektroenergieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen stammen (im ersten Halbjahr 2024 sogar knapp über 60%). Unter diesen Umständen sollen also zusätzliche Stromverbraucher in erheblichem Umfang die CO2 -Emissionen reduzieren? Was haben wir gewonnen, wenn das E-Auto (und erst recht der E-LKW) mit Kohlestrom geladen wird? Was gewinnen wir, wenn die Wärmepumpe mit Strom aus dem Gaskraftwerk betrieben wird? Was, wenn man jetzt auch noch die Ressourcenverschwendung durch die Verschrottung voll funktionsfähiger Fahrzeuge und Heizungen hinzurechnet? Ach ja, das fördert das Wirtschaftswachstum. Kennen wir aus der Bekleidungsindustrie und vor allem der Elektronik- und Computertechnik. Und es schafft Arbeitsplätze (in Bangladesh, China, Indien …). Was, wenn die Fahrzeuge gar nicht verschrottet werden, sondern irgendwo in der Welt noch mindestens 20 Jahre weiterdieseln?
Wenn dann die für Deutschland entscheidende Industrie wegen zu hoher Energiepreise und zu viel Bürokratie abgewandert ist, brauchen wir ja auch nicht mehr so viel Energie. Der Ausstoß von Treibhausgasen sinkt dadurch sogar. Dann brauchen wir auch nicht mehr so viele billige Arbeitskräfte aus dem Ausland, haben selbst genug Arbeitslose. Sind das nicht rosige Aussichten?
Wäre es nicht viel sinnvoller, die Mittel (E-Auto- und Wärmepumpenförderung) in den Ausbau der Energieinfrastruktur zu investieren? Immerhin will die Netzagentur nun endlich den Ausbau der Leitungsinfrastruktur vorantreiben. Man könnte auch über mehr und innovative (Förder-) Konzepte nachdenken. Z.B. um möglichst viele Dächer mit Photovoltaik zu bestücken. Aber das geht ja nicht:„Zu viel Solarstrom? Netzbetreiber wollen private Anlagen steuern“ (tagesschau.de 3.9.2024) Das Gleiche passiert, wenn „zu viel Wind weht“. Auch da fehlt ausreichend Leitungs- und Speicherkapazität. Speichermöglichkeiten zu schaffen und vor allem neue zu entwickeln, wäre sogar noch wichtiger. Beispielsweise auch durch Wasserstoffproduktion aus überschüssigem Solar- und Windstrom.
Wenn dann sichergestellt ist, dass alle Wärmepumpen (die dann hoffentlich auch bei großer Kälte noch die Bude warm bekommen), alle Elektroautos, alle elektrischen Wasserkocher, Herde und auch noch die Industrie klimaneutral, sicher, kostengünstig und stabil versorgt werden können, muss man die Menschen nicht mehr zwingen, umzusteigen. Die Vorteile sind dann hoffentlich für jeden erkennbar. Gegenwärtig ist es aber sogar so, dass die Energiekosten erheblich gestiegen sind. Und sie werden durch steigende CO2-Preise noch weiter steigen. Es mussten sogar Preisbremsen eingeführt werden und es wird einen Industriestrompreis geben.
Für den Normalbürger (und auch die Industrie) stellt sich das Thema Energiewende also erst einmal als massive Preiserhöhung dar. Der Druck, zu investieren (nicht nur in Wärmepumpe und E-Auto; auch noch Dämmung, PV-Anlage usw.) wird dadurch zwar erhöht, aber wer soll das alles bezahlen?
Zur Belohnung wird ihm dann auch noch mitgeteilt, dass bei Leitungsüberlastung (es finden sich bestimmt noch weitere Gründe – vielleicht, wenn der importierte Atomstrom aus Frankreich oder der Kohlestrom aus Polen zu teuer ist?) die Kapazität seiner Wallbox gedrosselt wird und das tolle neue E-Auto langsamer lädt. Oder sogar als Pufferspeicher missbraucht und bei Bedarf (immerhin gegen Entgelt – 3 Cent?) entladen wird. Dass das Ganze natürlich auch den Preisvorteil, den erneuerbare Energien ja eigentlich haben, ins Gegenteil verkehrt, führt mit Sicherheit zu einer hohen Akzeptanz all dieser Maßnahmen.
Das kann zwar nicht allein den nicht ausreichend verfügbaren erneuerbaren Energien angelastet werden, den meisten Verbrauchern ist es aber erst einmal egal, woher die Energie kommt. Erst wenn der Preisvorteil und die Versorgungssicherheit der Erneuerbaren deutlich werden, werden sich auch die letzten Verbraucher (und sogar die Industrie) gerne umorientieren. Für die Industrie ist das sogar noch wichtiger. Die braucht eine stabile und kostengünstige Energieversorgung, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Besonders, seit solche Standortnachteile kaum noch mit Zöllen kompensiert werden können. Oder doch?
Wie wäre es denn mit einem ganz anderen Ansatz: Statt „Ausstieg aus den fossilen Energieträgern“, wirklicher und koordinierter „Einstieg in die Erneuerbaren“ schon geht der Ausstieg von ganz alleine.
PS: Für Physiker, Ingenieure und andere Krümelkacker: Natürlich wird Energie nicht erzeugt und verbraucht, sondern immer nur unter Verlusten für uns (Entropie, Abwärme) umgewandelt.