Ein Brief an die Streikenden gegen Wehrpflicht
B.S. Dezember 2025
4 Minuten Lesezeit
Liebe Streikende,
vorausgeschickt sei, dass es natürlich euer gutes Recht ist, gegen Beschlüsse der Regierung und des Parlaments zu protestieren. Insbesondere, wenn sie euch direkt betreffen. Zu der Frage, ob das während der Schulzeit stattfinden darf, will ich mich hier gar nicht äußern.
Aber da sind wir schon beim ersten Punkt: einige von euch meinen ja, eine Pflicht wäre ohnehin nicht zeitgemäß. Wie ist das denn z.B. mit der Schulpflicht? Oder gelten hier andere Vorstellungen? Oder mit der Pflicht, sich an Rechtschreibregeln zu halten? Oder generell mit der Pflicht, sich an Gesetze und Regeln zu halten?
Zur Frage der Wehrpflicht, bzw. der nun geltenden Pflicht, einen Fragebogen auszufüllen und – für die männlichen Jugendlichen – sich einer Musterung zu unterziehen, möchte ich euch meine Erfahrungen mitteilen:
Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem es eine Wehrpflicht gab. Das war aber nicht alles. Bei der Musterung wurde ich eineinhalb Stunden lang „bearbeitet“ mich doch bitte „freiwillig“ für 3 Jahre statt der gesetzlich vorgeschriebenen 18 Monate zu verpflichten (hab ich nicht gemacht).
Die Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern, gab es gar nicht. Stattdessen konnte man zu den „Spatensoldaten“ gehen. Das heißt, den Wehrdienst (in Uniform und als Angehöriger der Armee) ohne Ausbildung an der Waffe abzuleisten. Dieser Ersatzdienst war aber mit einer noch schlechteren Behandlung durch die Vorgesetzten verbunden, als es bei den „normalen“ Wehrpflichtigen ohnehin üblich war. Stichwort Kanonenfutter, so nämlich wurden wir behandelt. Für die beruflichen Perspektiven war die Wahl dieses Ersatzdienstes auch nicht gerade förderlich – eher sogar hinderlich.
Dann wäre da noch zu bedenken, was für Ziele ein Staat bzw. seine Regierung mit einer Wehrpflicht verfolgt. Schaut auch mal zu unseren Nachbarn, z.B. in die Schweiz.
In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, war das erklärte Ziel, das Glück des real existierenden Sozialismus allen Völkern zugutekommen zu lassen. Notfalls mit Gewalt. Friedensaktivitäten im Westen wurden gefeiert und gefördert, im eigenen Land wurden sie massiv unterdrückt. Ein zentrales Dogma lautete: „Der Frieden muss bewaffnet sein“. Auch deshalb ist dieses System dann plötzlich – ganz ohne überfallen worden zu sein – kollabiert.
In dem Land, in dem wir leben, ist das erklärte Ziel, zu verhindern, dass ein Krieg ausbricht. Nun ist aber in Europa ein Krieg ausgebrochen. Ist es da nicht sinnvoll, zu verhindern, dass er sich auf weitere Länder ausdehnt? Warum wohl sind Finnland und Schweden nach so langer Neutralität der NATO beigetreten?
Wenn viele von euch meinen, es wäre besser in einer Diktatur zu leben, als im Krieg zu sterben, klingt das erst einmal sehr vernünftig. Denn auch in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, konnte man (nach Ableistung des Wehrdienstes – und weil es keinen Krieg gab) ganz ordentlich leben. Nur vergesst ihr, wie man in eine solche Diktatur geraten kann. Die Ukrainer erleben das gerade. Und wehren sich tapfer dagegen. Warum wohl?
Ihr vergesst auch, dass ihr in einer solchen Diktatur gar nicht gefragt werdet, ob ihr bereit wärt, im Krieg zu sterben (das ist übrigens niemand!). Nicht mal, ob ihr bereit seid, Wehrdienst zu leisten. Da gibt es bereits in der Schule „Wehrkundeunterricht“ und einen permanenten mehr oder weniger subtilen Zwang, sich für noch mehr Wehrdienst und paramilitärische Organisationen (natürlich gaaanz freiwillig) zu „verpflichten“. Das gilt dann übrigens nicht nur für euch, eure Brüder und Freunde, sondern auch für eure Kinder. Gegen Beschlüsse der Regierung zu protestieren kann da ganz schön schmerzhaft enden.
Wenn der Führer dann meint, „die größte geopolitische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ wieder korrigieren oder abtrünnige Provinzen heim ins Reich holen zu müssen, dann seid ihr richtiges Kanonenfutter.
Jetzt kommen natürlich noch die unangenehmen Fragen: Was ist eigentlich so schlimm daran, einen Fragebogen ausfüllen zu müssen? Da sind alle, die erklären, keinen Wehrdienst machen zu wollen, vorläufig schon mal aus dem Rennen. Musterung ist sicher kein Vergnügen, aber auch kein Weltuntergang. Da sind dann alle, die untauglich sind, aus dem Rennen. Bleiben also nur die Tauglichen, die ihre prinzipielle Bereitschaft erklärt haben. Erst, wenn sich nicht genug Freiwillige finden, wird aus denen ein Teil ausgelost und verpflichtet.
Aber selbst, wenn eine richtige Wehrpflicht wieder eingeführt wird, gibt es weiterhin die Möglichkeit zu verweigern. Dann muss man aber alternativ einen sozialen Ersatzdienst leisten. Fragt mal in eurem Umfeld, wie die Männer, die das noch erlebt haben (die aus der alten Bundesrepublik und die aus der DDR) darüber sprechen.
Alles Gute und dass ihr nie in den Krieg ziehen müsst wünscht
B.S.