Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Kritikfähigkeit ist in einer modernen, sich im steten Wandel begriffenen Gesellschaft eine sehr wertvolle Eigenschaft.
Sechstes Angebot des evolutionären Humanismus
Diskurskultur
B.S. 18.07.2026
7 Minuten Lesedauer
Beim rbb24 online gab es am 14.7.26 zu einer Meldung „Cottbuser Oberbürgermeister beanstandet Beschluss zu Gender-Sprachregelung“ eine Menge Kommentare. Die habe ich als Brandenburger natürlich gründlich studiert. Eigentlich hätte das hier auch ein weiterer „Gendergaga“ Artikel werden können. Der hätte aber nichts wirklich Neues gebracht. Deshalb lieber die Vorführung einer „Diskursbrandmauer“.
Ein Kommentator meinte, er würde kein brauchbares Argument gegen das Gendern kennen. Woher auch, wenn man nicht über den Tellerrand schaut? Ein Mensch unter dem Pseudonym „Argumente“ hatte darauf mit ein paar Links geantwortet. Darunter war auch dieser Blog. Dann hat ein „Sagittarius“ darauf geantwortet. Hier die beiden Kommentare (screenshot):

Wenn man so in eine Debatte geht, kann man ja auch keine Argumente kennen (und meistens auch keine eigenen vorbringen). Wahrscheinlich fühlte sich der Schütze berufen, seine „Glaubensbrüderinnen und Glaubenschwesterinnen“ vor „schädlichen Informationen“ zu bewahren. Die könnten Zweifel auslösen. Da gibts dann wieder mal von mir das Zeichen der Intelligenz:
- Braucht Herr Professor Zydenbos für seinen privaten Blog ein Impressum? Was ist ein „Professor“? Woher weiß Sagittarius dass der Professor „verdächtig und von zweifelhafter Herkunft“ ist, wenn er doch offensichtlich nicht mal reingeschaut oder sich informiert hat, wer das ist? Der „obskure Professor“ schreibt: „Der Autor dieser Webseiten ist ein Wissenschaftler, der zweisprachig aufgewachsen ist, seitdem noch sechzehn andere Sprachen gelernt hat und einige davon beruflich unterrichtet hat.“
- Der zweite Link führt auf die Seite, auf der Tausende Unterschriften gegen die Genderei zu finden sind (meine auch). Davon allein über Tausend von sprachwissenschaftlich qualifizierten Menschen. Außerdem sind etliche zusätzliche Argumente dort zu finden. Die darf man einfach nicht glauben (Augen zu und durch)? Über 7000 Einträge als gefälscht zu verdächtigen halte ich für ganz schön mutig. (oder trumpig?)
„Zu ihnen gehören Forscher wie Gisela Zifonun, langjährige Leiterin der Abteilung Grammatik am Leibniz-Institut für deutsche Sprache in Mannheim […], Peter Eisenberg, Verfasser von Standardwerken zur Grammatik des Deutschen, […] Manfred Krifka […], Direktor des Leibniz-Instituts für allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin, und Manfred Bierwisch, ehemaliger Leiter der Arbeitsgruppe strukturelle Grammatik der Max-Planck-Gesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.“ (aus einem Artikel in der „WELT“)
Tatsächlich gab es mal den Versuch von Aktivisten (welche wohl?) die Liste mit Fake-Einträgen zu fluten. Nach Entdeckung und Löschung haben die aber ganz schnell aufgegeben.
Ein „gewisser Fabian Payr“ ist übrigens der Verfasser des Buches „Von Menschen und Mensch*innen“. Erschienen bei Springer Fachmedien (nein, nicht bei Springer BLÖD, sondern dem Wissenschaftsverlag) Da gibt es für ganz Faule sogar ein Kapitel: „Zwanzig Argumente gegen Gendern“. - Interessanterweise bin ich neuerdings ein „bekannter rechter Redakteur“ und dieser Blog ist eine „bekannte rechte Initiative“. Warum weiß ich davon nichts? Na gut, mein Name ist ziemlich häufig. Trotzdem hab ich im Netz keinen rechten Redakteur meines Namens gefunden. Nur einen Fußballer, einen Rennfahrer und ein paar weitere unverdächtige Menschen. Irgendeine rechte Initiative, die mit meinem Namen verknüpft ist, auch nicht. Vielleicht hat der Schütze sich das nur ausgedacht?
- Hier ist kein Weiterleitungslink, sondern eine Sammlung von Zeitungsartikeln, die sich kritisch zum Gendern äußern.
- Wahrscheinlich hat Sagittarius Nr. 4 übersehen (oder einfach ausgelassen, weil ihm keine Ausrede eingefallen ist?) und den fünften gemeint. Der Link führt auf einen Artikel des leider verstorbenen „Grammatikpapstes“ Prof. Peter Eisenberg (s.o.). Der war übrigens Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und im Rat für deutsche Rechtschreibung und hat sich da bis zu seinem Tod wissenschaftlich gegen die Genderei engagiert. Alles rechter Bullshit? Der FAZ-Artikel, ist als pdf bei archive.is archiviert. Die Seite ist nach aktuellem Stand (siehe Heise) tatsächlich nicht zuverlässig. Also besser nicht ansehen.
- Die Gefahr, sich bei YT irgendwas Böses einzufangen, dürfte ziemlich gering sein, oder? Da schaut man trotzdem lieber gar nicht erst rein, es könnte ja wehtun. Ist ja eh nur alles „rechter Bullshit“? Da könnte man aber auch eine ganze Vorlesung von Prof. Philipp Hübl an der UDK Berlin unter dem Titel „Bullshit Resistenz“ (und viel Beifall seiner Studenten) finden. Der meint tatsächlich den Bullshit der Genderideologen. Da könnte man vielleicht sogar völlig kostenlos was lernen.
Wenn man sich auch nur ein wenig mit dem Thema beschäftigt oder recherchiert hätte, könnte man das alles wissen. Ein Gegenargument war dieser Kommentar jedenfalls nicht, sondern die Erklärung: „So etwas schaut man besser gar nicht an.“ Aber das muss man ja auch nicht, wenn man schon im Besitz der einzig wahren Wahrheit ist. Alles Andere ist rechter Bullshit? Irgendwie erinnert es eher an das Verhalten von Sektenanhängern.Vielleicht hätte der Schütze statt Astrologie lieber was Seriöses lernen sollen?
Auf den verlinkten Webseiten wird übrigens ausgiebig auf die Argumente der Genderbefürworter eingegangen. Das macht man nämlich, wenn man am demokratischen Diskurs teilnehmen möchte.
Hier haben wir also ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Debatte von Ideologen geführt wird:
Argumente nicht zur Kenntnis nehmen, besser nicht mal anschauen, Personen als „obskur“ oder (wie auch von vielen anderen Kommentatoren in diesem Thread) als „rechts“ und damit einer Auseinandersetzung unwürdig deklarieren. Manchmal muss man eben Ausreden erfinden, um Kritik einfach ignorieren zu können.
Dazu kommt dann meistens noch das ständige Nachplappern längst widerlegter oder untauglicher Argumente: „Sprache entwickelt sich“, „die männliche Form“, „mitgemeint“, „wissenschaftliche Studien“, „ unsichtbar“. Gerne wird auch die „Freiheit“ angeführt. Wozu brauchen wir dann noch Deutschlehrer? Zurück ins Mittelalter? Natürlich darf auch das berühmte „Haltet den Dieb“ (die wollen uns vorschreiben…) nicht fehlen.
Ein ganz anderes Kaliber ist allerdings eine Kommentatorin namens Morena (ich verwende die spezifisch weibliche Form im Singular, weil ihr Name oder Pseudonym das vermuten lässt). Wenn ihre Lieblingspolitikerin von einem Journalisten (Matthias Deiß) auch kritisch befragt wird, grenzt das an Folter?
„Ines Schwerdtner dazu die Tage in ‚Berlin direkt‘ in einer hochnotpeinlichen Befragung des sich selbst superkritisch findenden Befragers (der war peinlich!) mich überzeugend: …“.
Richtig so! Kritische Fragen sollten verboten werden! Aber natürlich nur gegenüber den Guten? Eine Welt ohne Gendern ist für sie „… die rückständig-völkische Bullerbü-Welt …“. Die Lösung hat sie auch schon parat: „Wenn das ‚Heimat‘ sein soll, dann einfach einen Zaun drum und Tor abschliessen.“ Meint sie so etwas, wie ein KZ? Oder eher einen Gulag? Das mit Zäunen und Mauer kennen die ja auch schon. Der Höhepunkt ist dann das hier:
„Dann bauen ihnen irgendwelche Pickelgesichter mit Schützengrabenscheitel und Rasiermesserfrisur das Bullerbü in dem Frauen noch Frauen sind und weder in Anrede, noch Sprache, noch Schrift vorkommen müssen.“
Irgendwie erinnert mich der Ton an eine gewisse Alice W. Oder sogar an einen Björn H.? Warum der rbb solche Hasstiraden (denn das sind sie gegenüber allen, die anderer Meinung sind – die Freiheit der Andersdenkenden?) durch die Moderation lässt, liegt an Sympathien für solche Haltungen? Die nächste Volte sollte wohl irgendwie intellektuell klingen, ist aber bloß pseudowissenschaftlicher Humbug und ein „Haltet den Dieb“:
„Die Sprache, der Sprachgebrauch und die Entwicklungen und Änderungen in der Sprache sind stets immer schon und seit Menschengedenken sowohl Indikator als auch ein Motor der zukunftsgerichteten Innovation. Bestenfalls. Sie können natürlich auch Ausdruck von Retardierung, autoritärem Rückschritt, reaktionärer Machtergreifung sein. So wie es in der Verbotskultur der AfD zum Ausdruck kommt, die Sprache für ihre Weltanschauung, ihr Menschenbild autoritär gestalten und zementieren will.“
Zur „Verbotskultur“ gibt es sogar ein ganzes Buch1. Das zeigt, wo überall schon korrektes Deutsch verboten ist. Vielleicht meint Morena ja mit dem „Motor der zukunftsgerichteten Innovation“ so etwas wie den „antifaschistischen Schutzwall“ oder die „geflügelte Jahresendfigur“ oder „die Parteien des demokratischen Blocks“? „Die Partei der Arbeiterklasse“, „das Vaterland aller Werktätigen“, „Waffenbrüder“ wär da auch noch im Angebot. Das kann eigentlich nur von einer „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ stammen.
Wer die Sprache missbraucht, indem er Leitlinien, Lehrbücher2 und Verwaltungsvorschriften für richtig falsches Deutsch produziert, der will die Sprache für seine pseudo-„fortschrittliche“ Weltanschauung, sein Menschenbild autoritär gestalten. Leider nicht nur die Sprache, denn die Weltrevolution und die historische Mission der Arbeiterklasse … Natürlich sind alle, die das eventuell nicht so prickelnd finden, Nazis. Und die gehören alle ins Lager! Ist das nicht eine schöne einfache Bullerbü-Welt? Oder eher eine Diktatur, die dann natürlich den Namen „Demokratische Republik“ führen muss? Wie sich die beiden totalitären Extreme doch ähneln.
1. Fabian Payr, Dagmar Lorenz. „Genderzwang“. ISBN-10: 3826097637 ISBN-13: 978-3826097638
2. Anja Steinhauer, Gabriele Diewald. Richtig Gendern ISBN: 978-3-411-74357-5