… Mund, Hals, Busen, Ellbogen, Finger, Nagel, Fuß und Körper einer Person sind männlichen Geschlechts, und der Kopf ist männlich oder sächlich, je nachdem, welches Wort man zu seiner Bezeichnung wählt,
Mark Twain
jedoch nicht nach dem Geschlecht des Individuums, das ihn trägt …
Eine Kritik zu Anatol Stefanowitsch:
„Diagnose: ‚Männersprache‘“1
(einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung)
8 Minuten Lesedauer
Dieser Beitrag wird nachgeschoben, weil mir in einer Diskussion neben Luise F. Pusch auch noch Anatol Stefanowitsch als „wissenschaftlicher“ Zeuge für die Notwendigkeit des Gendersoziolekts präsentiert wurde. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, einen leicht zugänglichen Artikel zu analysieren. Viel Vergnügen.
Zitate aus dem Artikel sind kursiv gesetzt.
Gleich zu Beginn beruft sich der Autor auf Luise F. Pusch bzgl. der im Titel erwähnten „Diagnose“:
„Der Mann ist der sprachliche Normalfall, auf den immer zurückgegriffen wird, wenn es nicht explizit und ausschließlich um Frauen geht – und oft sogar dort, wo das doch der Fall ist.“
Frau Pusch hat schließlich früh erkannt, dass unsere Muttersprache „krank und reparaturbedürftig“ ist. Oder war das Mark Twain? Immerhin hat Herr Stefanowitsch schon erkannt, dass das Femininum bei Personenbezeichnungen immer spezifisch ist. Was aber nicht heißt, dass das Maskulinum nur Männer meint: „Der Mensch“, der mit dem generischen Maskulinum angesprochen ist, wird einfach zum „Mann“ umdefiniert und schon kann man diagnostizieren, die Menschensprache (oder die Muttersprache) wäre eine „Männersprache“.
Wenn man die „Behandlung“ einer selbst erfundenen Krankheit auf eine selbst erfundene „Diagnose“ stützt, kann das eigentlich nur zu gesundheitlichen Problemen führen. Immerhin geht Stefanowitsch in seinem Artikel ausführlicher als andere auf die Argumente seiner Kritiker ein:
„Deutlich zeigt sich das in der Gebrauchstradition des „generischen“ Maskulinums, mit dem gechlechtlich gemischte Gruppen oder abstrakte Kategorien von Menschen sprachlich so dargestellt werden, als bestünden sie nur aus Männern: „Viele Studenten haben finanzielle Probleme.“ […] Es zeigt sich aber auch an tief in der Grammatik versteckten Strukturen. Das Fragepronomen „wer“, zum Beispiel, ist nicht nur sprachgeschichtlich in Analogie zum männlichen „er“ entstanden, es verhält sich auch heute noch so, als beziehe es sich auf Männer.“
Eine grammatische Regel einfach mal zu einer „Gebrauchstradition“ zu erklären, ist nur der Anfang. Wie kommt Herr Stefanowitsch darauf, dass „Studenten“ nur Männer meint? Oder will er uns das nur einreden? Zu Goethes Zeiten sprach man von „Studierenden“, obwohl das damals wirklich nur Männer waren. Wird dieser seit langem ausgestorbene Begriff deshalb reanimiert?
Zum Fragepronomen „wer“ haben z. B. Robert Zydenbos und Olav Hackstein2 eine weitaus einleuchtendere Erklärung: Es stammt aus einer sehr lange zurückliegenden Zeit, als es in der Grammatik nur den Unterschied zwischen belebt (Maskulinum) und unbelebt (Neutrum) gab. Es bezieht sich nämlich nicht auf den Mann, sondern auf das Wort „der Mensch“ und ist bei „wer und was“, bei „jemand und etwas“, „niemand und nichts“ immer noch so.
Ausgerechnet der Anglist Stefanowitsch weiß nicht, dass im Englischen das Wort „man“ sowohl Mensch als auch Mann bedeutet? Das kommt eben daher, dass bei der Entstehung der spezifisch weiblichen Form das bereits vorhandene für alle gültige Maskulinum dann auch (!) spezifisch eingesetzt wurde. Im Deutschen sind wir da schon weiter, denn wir haben für Mensch und Mann zwei verschiedene Wörter. Nur die feministischen Genderlinguisen und Innen wissen nicht (oder wollen es nicht wissen) dass das generische Maskulinum auf den Menschen und nicht auf den Mann referenziert.
Ja, „wer schwanger ist, der ist nicht krank“ (7 Wörter). Stefanowitsch meint aber, dass es notwendig sei, zu sagen: „Eine Frau, die schwanger ist, die ist nicht krank.“ (9 Wörter). Weil man sonst denken könnte, es gehe um schwangere Männer? Wenn es dieses Missverständnis schwangerer Männer je gegeben hätte, so wäre das durch natürlichen Sprachwandel längst erledigt. Nein, das Problem haben „feministische Linguisten“ erfunden!
Manchmal heiratet ein Mensch, der schwanger ist die Person, die der Vater ist. Wo ist hier irgendein Problem? Männersprache oder grobe Fehldiagnose? Das ist ein schönes Beispiel für die von „Genderlinguisten“ immer wieder vehement abgestrittene Verwechslung von Genus und Sexus.
„Es sind diese Diagnose und die fehlenden Hausmittel zu ihrer Behandlung, die betroffene, sprachaktivistisch engagierte und linguistisch forschende Menschen dazu inspiriert haben, innovative Therapien zu entwickeln.“
Nun ja, wenn man einen Menschen, der (!) gar nicht krank (sondern bloß schwanger?) ist, mit „innovativen Therapien“ oder gar mit „Hausmitteln“ behandelt, bekommt man statt erwünschter Wirkungen nur Risiken und Nebenwirkungen.
Noch schlimmer wird es natürlich, wenn die selbst ernannten Therapeuten die an einer nicht existierenden Krankheit gar nicht leidende Sprache als Versuchskaninchen missbrauchen: StudentIn, Student*in, Student:in, Student_in, dix Studierx das Studenty … Witwerinnen, Mitgliederinnen, weil es nun mal keine sinnvolle Therapie für „keine Krankheit“ gibt.
Also zur Sache: Die Diagnose bleibt bestehen, weil die generische Verwendung eines von zwei paarig auftretenden Begriffen beweist, dass der generische verwendete Begriff immer der höherwertige ist. Stefanowitsch belegt diese These mit dem Beispiel Tag und Nacht: Der Tag wird generisch verwendet, weil wir normalerweise zu den Tagaktiven gehören. Klingt logisch, also wird das Maskulinum generisch verwendet, weil der Mann die Norm ist? Oder doch der Mensch? Warum eigentlich dürfen wir das mit Tag und Nacht nicht auch therapieren? Statt: „Ich habe 3 Tage Sonderurlaub“ muss es heißen, ich habe drei Tage und vier Nächte …?
Bei den Enten und Gänsen sind also die Weibchen höherwertig, bei Schwänen und Geiern die Männchen? Bei den Katzen, die Weibchen und bei den Hunden die Männchen? Wo bleiben die innovativen Therapien? Oder wenigstens Hausmittel? Hat doch im Englischen auch funktioniert. Außer bei den Tagen und Nächten (three days later…).
Zu den Studien, die angeblich beweisen, dass das Maskulinum vornehmlich männlich verstanden wird, ist in mehreren anderen Beiträgen bereits alles gesagt. Hier noch mal kurz zusammengefasst:
– Das Maskulinum wird im Plural generisch verwendet, wenn es sich um eine gemischte Gruppe handelt oder wenn das Geschlecht der Personen unbekannt oder irrelevant ist; selten bei einer Gruppe explizit genannter Frauen. Selbstverständlich auch in allen Zusammensetzungen. Bei einer explizit rein männlichen Gruppe ist es spezifisch.
– Das Maskulinum wird im Singular nur dann generisch verwendet, wenn die abstrakte Rolle, der Beruf gemeint ist; bei einer explizit angesprochenen Frau seltener (Nele Pollatschek z.B. ist nach eigenem Bekunden Schriftsteller). Bei einem explizit angesprochenen Mann ist es spezifisch.
Bei den meisten Studien wurde mindestens eine dieser simplen Regeln missachtet oder ignoriert. So wie es diese Regeln beschreiben, wird es aber auch von den meisten Menschen verstanden. Interessanterweise hat eine der Studien3 genau das mit erheblichem Aufwand herausgefunden. Übersetzung durch den Autor:
„Der Numerus [B.S.: Singular/Plural] war sowohl im Deutschen als auch im Niederländischen die bedeutendste Variable, wobei der Singular vorzugsweise nicht-neutral [B.S.: also spezifisch], der Plural vorzugsweise neutral [B.S.: also generisch] interpretiert wurde.“
Weil die Vereinfachung der englischen Sprache lange (rund 500 Jahre) gebraucht hat, meint Stefanowitsch also, dass man das bei uns mit dem Brecheisen reparieren muss: „So viel Zeit haben Frauen und Diverse nicht.“ Woher weiß er das?
Als Anglist sollte er eigentlich auch wissen, dass im englischen die Wandlung einfach dadurch stattgefunden hat, dass die spezifischen Artikel verschwunden sind: statt „der/die/das“ gibt es nur „the“ und statt „ein/eine/ein“: „a/an“. Nele Pollatschek hat sich in der gleichen Zeitschrift ausführlicher mit der englischen Sprache befasst.
Die generischen Personenbezeichnungen, die aus einem Verb gebildet werden, sind dem deutschen Maskulinum aber sehr ähnlich: worker, turner, trainer, teacher … Warum wohl? Deshalb verschwinden im Englischen auch gerade die spezifisch weiblichen Formen mehr und mehr (actress, stewardess, …)
Im Deutschen wären das die Endungen -in und -innen, die sich stattdessen bei uns explosiv vermehren. Selbst da, wo sie gar nicht hingehören, werden Rinnen angeschraubt. Besonders interessant ist das bei ursprünglich aus dem Englischen stammenden Wörtern: User:Innen und Follower:Innen, Hackerinnen und Hacker, Insider·innen, Influencerinnen, Ein·e Recruiter·in … Werden die neutralen englischen Wörter etwa „männlich“ gelesen? Diagnose: durch eine Fehldiagnose und Therapie erst krank gemachte Sprache.
Also wird im Englischen die ursprünglich maskuline Form zum Standard. Der Plural wird meistens durch „the“ und ein angehängtes „s“ erzeugt. Im Deutschen funktioniert das ganz anders: der Arbeiter, die Arbeiterin, die Arbeiter, die Arbeiterinnen. Warum verwenden wir den „weiblichen“ Artikel für den Plural, der im Maskulinum auch noch oft mit dem Singular identisch ist?
So einfach, wie Herr Stefanowitsch es uns vormachen möchte, ist das wohl alles doch nicht. Jedenfalls nicht, wenn man 500 Jahre natürlicher Sprachentwicklung einfach überspringen möchte und das Ziel gar nicht kennt.
Dann fummeln wir eben so lange an der Sprache herum, bis es passt – oder bis sie kaputt oder tot ist? Das machen wir dann im Freilandlabor der Gendertechnik. Nach der Methode: dreimal was abgeschnitten und immer noch zu kurz. Oder sogar: Operation gelungen, Patient tot. Davon ganz abgesehen, dass derartige Versuche schon mehrfach gescheitert sind und in der Regel von autoritären Ideologen vorangetrieben wurden.
1. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/geschlechtergerechte-sprache-2022/
2. https://zydenbos.userweb.mwn.de/gendersprache/antihistorisch.html
3. De Backer M., Cuypere L. The interpretation of masculine personal nouns in German and Dutch: a comparative experimental study
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0388000111001422